Imitierend echt - it’s a fake (clip)

In der Internetgemeinde sind Videoclips die meist verbreitete Form audiovisueller Erzeugnisse. In den 80er und 90er Jahren des vorherigen Jahrhunderts wurden Videoclips rein als Musikvideo rezipiert. Die folgende Verbreitung von Videobildern in sozialen Netzwerken, virtuellen Gemeinschaften und Videoportalen entwickelte in den letzten 15 Jahren eine derart rasante Eigendynamik, dass Clips als eigenständige Medienform in unserer bilddominierten Kultur wahrgenommen werden.

Laut eigener Angaben werden auf der Video-Plattform des Marktführers You Tube pro Minute 48 Stunden Videomaterial hoch geladen und mehr als 3 Millionen Videos täglich abgerufen (Stand Februar 2011). Diese extrem beschleunigte Proliferation digitaler Bewegtbilder hat sich zu einem Massenphänomen der heutigen Kulturgesellschaft entwickelt.

"Der Backteufel" - Fake-Werbung zu einem Backprodukt im Retro-Stil.

Inhalt von Clips kann eigentlich alles sein: digitale Selbstdarstellung, Unterhaltung, Werbung, Aufklärung, (Medien)Kritik; die Klickzahlen und damit einhergehende Bekanntheitsgrade entscheiden über plötzlichen Ruhm, forcieren öffentliche Meinungen, können Niedergänge und Abstiege einleiten, ohne das, das Gesehene von Nutzern auf Echtheit oder gesellschaftliche Relevanz überprüft wird.

Genau an dieser Nahtstelle setzen die Videoclips, die im medienpraktischen Seminar „Fake Clips“ im Wintersemester 2010/11 produziert wurden, an. Fake Clips sind Videoclips, die sich in ihrer ästhetischen Ausprägung innerhalb der gängigen Gattungsgrenzen von Fiction, Dokumentarfilm und Video-Experiment bewegen, aber ganz bewusst das Spannungsverhältnis von Original und Fälschung, vom Künstlichen und Authentischen neu befeuern.

Viele Fake Clips bleiben dabei an der Oberfläche, parodieren, imitieren und replizieren das Bekannte: manchmal in banaler, manchmal in sehr unterhaltsamer Form.

Fake-Doku im Stil der im TV häufig vorkommenden Scripted Reality-Formate: "Bäuerin sucht Mann"

FAKE,  amerik. Slang: Täuschung und Schwindel; so tun als ob. Abgeleitet von <factitious> (unecht, künstlich), in dem <factual> (tatsächlich, wirklich) und <fictitious> (eingebildet, erfunden) verbunden wird.[1]

Interessante Fake Clips im World Wide Web sind die, welche einen Bruch mit der Realität andeuten und Zweifel an ihrer Echtheit evozieren. Der inhärente Gegensatz des Begriffs <Fake> gewinnt dann Bedeutung, wenn Fake Clips mehr sind als eine simple Imitation. In der Kunst meint der <Fake> die Nachahmung eines Kunstwerkes, die aus sich selbst heraus auf den nicht authentischen, den künstlichen Charakter verweist und hiermit eine Auseinandersetzung mit möglichen Manipulationen und Erfahrbarkeiten von Realität zulässt.

Ausschnitt aus "Freedomsman" - Mockumentary über den Superhelden der "Freedom" in Paderborn schafft.

Carsten Engelke


[1] Geier, Manfred "FAKE: Leben in künstlichen Welten. Mythos Literatur Wissenschaft." Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 1999, S. 9.

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